Wer ist Paul?

Eine Glosse von Hasso W.A. Füsslein

Um die Antwort vorwegzunehmen: Ich kenne Paul nicht persönlich. Ein Freund hatte ihm meinen Pfingstbeitrag zugesandt, und Paul hatte ihn kommentiert. Kritisch, polemisch – was sein gutes Recht ist. Aber immerhin ein Kommentar, und das ist die Ausnahme denn die Regel. Sich mit den Argumenten der „Rechten“ auseinanderzusetzen ist für Leute wie Paul sowas von Bähh –

Und damit kommen wir zur eigentlichen Sache: Paul ist eine Metapher für eine Gruppe: studiert, über 60, verheiratet (zwei Kinder), finanziell gut situiert (Haus abbezahlt, Urlaub als Statussymbol), Leser der ZEIT, gesundheitsbewusst. Halbgebildet (beherrscht mindestens drei Sätze aus dem Buch „Latein für Angeber“).

Ergo: Paul ist CDU-Wähler (früher SPD, manchmal auch FDP). Er gehört zu einem Bürgertum, „das in hohem Maße ideologisch aufgeladen, ja regelrecht beseelt ist. Beseelt von einer Weltbeglückungs-, wenn nicht Welterlösungsidee, die sich heutzutage eben in der Gestalt „Weltoffenheit, Toleranz, Buntheit“ manifestiert. Es sind gebildete oder zumindest halbgebildete Stände, weshalb Kultur für sie auch eine so große Rolle spielt.“ (so der Autor JÖRG BERNIG in JF 2020/27 S. 3). Aus der finanziellen Unabhängigkeit leitet Paul ab, auch intellektuell unabhängig zu sein. Die 120 Jahre alte Erkenntnis der Manipulierbarkeit der Massen (Gustave Le Bon, Edward Bernays) wird er nicht bestreiten, aber sich selbst nicht betroffen fühlen. Das Öffentlich-Rechtliche Rundfunksystem gilt ihm als Wahrheitsverkünder. Pannen in der Berichterstattung (z.B. Kölner Silvesternacht 2015/2016) sind demnach ausgerutschte Einzelfälle. Und Haltungsjournalismus ala WDR-Restle hält man ggf. für leichte Übertreibungen. Paul futtert immer aus den gleichen Näpfen, und dass ihm da jemand was reinstreuen könnte, ist ihm ein absurder Gedanke.

Und eine Grundkonstante ist dominierend: der Antifaschismus. Die durch nichts belegte Behauptung, „die AfD ist der parlamentarische Arm der Nazis“, ist seine subtile Phobie, für die er von den Hauptstrommedien immer wieder „Belege“ geliefert bekommt. Das ist seit Gründung der Partei so. Auch B.Lucke wurde bezichtigt, Nazi-Jargon zu verwenden. Paul aber zweifelt an dem offensichtlichen Faktum: Eine Neuauflage des «Faschismus» kann es nicht geben. (so jedenfalls lautet das Zitat aus der NZZ). Und Eric Gujer, Chefredaktor jener Zeitung drückt es etwas unfreundlicher so aus: „Die Mitglieder der AfD sind geistige Kleinbürger, und bis diese zu Revolutionären werden, dauert es lange. DAFÜR BRAUCHT ES BEDINGUNGEN, WIE SIE 1933 HERRSCHTEN: Fremdbestimmung durch Siegermächte, eine rechts wie links ungeliebte Republik, eine Weltwirtschaftskrise mit Massenarmut und Desorientierung. So aber ist Deutschland heute nicht.“ (NZZ „Der andere Blick #102 vom 12. April 2019). Die gründlichste Widerlegung aber hat Frank Böckelmann geliefert (TUMULT Winter 2018/19), in der Vierteljahresschrift für Konsensstörung. Wie bitte? Konsens-STÖRUNG? Paul beginnt zu zittern. Alles, was er anstrebt, ist Konsens, ist „Frieden“. Mit abweichenden Meinungen auffallen? Er will weiter Mitglied im HSV und im Lions-Club bleiben und hat seinem Sohn die Bitte, anlässlich eines Fussballspiels die Deutschland-Fahne aufzuhängen, abgeschlagen („Lass man lieber…Die Nachbarn…“). Könnte es sein, dass die ZEIT (vom 21. November 2018) recht hat und wir hier einen deutschen Wiedergänger, die heute (lt. ZEIT) ganz obenauf sind, begegnen? .Paul möchte -was denn auch immer- „für die letzten paar Jahre, die wir noch haben…“. Das ist reiner Individualismus, dessen Wucherungen unsere Gesellschaft prägen. Die Enkel werden es auslöffeln (müssen).Über diese Haltung richten wir nicht. (Math. 7,1)

„Glauben Sie, dass sich die Bürger an die veränderten Zustände gewöhnen (aktuell die ungewohnte Partyszene in Stuttgart) und Sie weiter wohlwollend wählen werden?“ fragte Don Alphonso noch hoffnungsvoll am 1. Januar 2017. Die Frage ist drei Jahre später beantwortet: Die Altparteien haben nichts zu befürchten. Paul hält zu ihnen. Notfalls rückt man eben etwas zusammen – wie bei der Oberbürgermeisterwahl in Bautzen. Oder im Thüringer Landtag. Oder bei der Wahl einer linksextremen Verfassungsrichterin in Mecklenburg-Vorpommern.

Und von diesen Pauls will der liberale Teil der AfD die (entscheidenden) Wählerstimmen gewinnen? Dazu wird es unter den gegenwärtigen Umständen nicht kommen. Man hält sich lieber etwas zurück. Schliesslich geht es uns doch gut, oder? (so ein Paul aus der CDU-Kreistagsfraktion, der das Risiko eines Gesprächs mit AfDlern ob der kritischen Nachfragen einiger Kollegen bisher nur einmal eingegangen ist).

Lassen wir Paul zufrieden. Paul will auch von uns zufriedengelassen werden. Uns strömen Wähler aus anderen Schichten zu, auf die wir uns konzentrieren müssen. Und das Ergebnis werden wir dann ganz demokratisch akzeptieren. Nur ein letztes Mal winken wir Paul zu – mit Goethe (der ist bisher allen Rassismusvorwürfen entgangen)

Ältestes bewahrt mit Treue;
Freundlich aufgefasst das Neue.

Mach’s gut, Paul.

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